Artikel von Andreas G. Henkel – 27. August 2026

Vom Datenaustausch zur Versorgungssteuerung: Warum der Transformationsfonds mehr braucht als Interoperabilität



Seit dem 26. August ist die Förderrichtlinie zum Krankenhaustransformationsfonds (PDF) in Kraft. Bis 2035 stehen den Ländern bis zu 29 Milliarden Euro zur Verfügung, um Krankenhausstrukturen zu verändern. Konzentration von Leistungsgruppen, sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen, Krankenhausverbünde, telemedizinische Netzwerke, integrierte Notfallstrukturen. Wer die Richtlinie aufmerksam liest, stellt fest, dass digitale Infrastruktur in fast jedem Fördertatbestand auftaucht, aber immer im Dienst der Struktur. Nur bei den telemedizinischen Netzwerkstrukturen ist die Technik selbst der Kern des Vorhabens, und selbst dort wartet das Feld noch auf die bundeseinheitlichen Vorgaben des BMG, die bis Ende September festgelegt werden.

Ich halte das für die richtige Reihenfolge. Und trotzdem sehe ich in vielen Gesprächen ein Missverständnis, das uns teuer zu stehen kommen kann.

Interoperabilität ist die Eintrittskarte, nicht das Spiel

Die vergangenen Jahre haben uns als Branche viel Disziplin beigebracht. FHIR, IHE, ISiK, KIM, DICOM, saubere Terminologien. Das war und ist harte, notwendige Arbeit, und ich habe großen Respekt vor allen, die sie in Gremien und Projekten leisten. Aber Interoperabilität beantwortet nur die Frage, ob Daten von A nach B kommen und dort verstanden werden. Sie beantwortet nicht die Frage, wer den Patienten von A nach B bringt, wer die Verantwortung übernimmt, wenn unterwegs etwas auffällt, und wer erkennt, dass B gerade keine Kapazität hat.

Genau diese Fragen stellt die Krankenhausreform aber in aller Schärfe. Wenn eine Leistungsgruppe künftig nur noch an einem Standort erbracht wird, dann wird der einrichtungsübergreifende Behandlungspfad vom Sonderfall zum Regelfall. Wenn ein Verbund Doppelstrukturen abbaut, entstehen per Definition Übergaben zwischen Häusern. Wenn ein Zentrum seine Expertise per Telekonsil in die Fläche bringt, braucht es einen Ort, an dem Anforderung, Befund, Rückfrage und Nachsorge zusammenlaufen. Ein Datenaustausch, der technisch funktioniert, aber niemandem eine Handlung zuweist, löst keines dieser Probleme.

Die eigentliche Kategorie heißt Versorgungs- und Steuerungsplattform

Deshalb glaube ich, dass wir über eine andere Kategorie sprechen müssen. Eine Interoperabilitätsplattform bewegt Daten zwischen Systemen. Eine Versorgungs- und Steuerungsplattform trägt Prozesse über Einrichtungsgrenzen. Sie kennt nicht nur Dokumente, sondern Termine, Aufgaben, Zuständigkeiten und Zustände. Sie macht sichtbar, wo ein Patient im Pfad steht, was als Nächstes ansteht und bei wem. Und sie gibt denjenigen, die ein Netzwerk verantworten, die Möglichkeit, tatsächlich zu steuern, also Kapazitäten zu sehen, Pfade anzupassen und Übergaben verbindlich zu machen, statt sie dem Telefon zu überlassen.

Der Unterschied klingt subtil, ist aber fundamental. Infrastruktur wird beschafft und betrieben. Steuerung wird verantwortet. Die Fördertatbestände des Transformationsfonds beschreiben durchweg Situationen, in denen jemand ein Versorgungsgeschehen über mehrere Häuser hinweg verantworten muss. Wer dafür nur Schnittstellen einkauft, hat am Ende viele Verbindungen und keinen Überblick.

Und was ist mit KI?

Hier wird es interessant, und hier bin ich bewusst zurückhaltend gegenüber dem lauten Teil der Debatte. Künstliche Intelligenz entfaltet ihren Wert in der Versorgung nicht als Chatbot neben dem Klinikinformationssystem, sondern als Ebene über einer deterministisch sauberen Datenbasis. Priorisierung von Konsilanfragen, Erkennung von Auffälligkeiten in Verläufen und Vitaldaten, Vorschläge für die nächste Aktion im Pfad, Unterstützung bei der Kapazitätssteuerung eines Netzwerks. All das setzt voraus, dass die Daten strukturiert, semantisch eindeutig und im Behandlungskontext verfügbar sind. KI ohne Interoperabilität bleibt Spielerei. Interoperabilität ohne Steuerungsanspruch bleibt Infrastruktur. Erst die Kombination aus beidem macht aus einer Plattform ein Werkzeug für Versorgung.

ti-e und Leitwert

Was das für Transformationsfonds-Vorhaben bedeutet

Für alle, die jetzt Vorhaben zuschneiden, würde ich drei Fragen mitgeben.

  1. Wer steuert das Netzwerk fachlich und organisatorisch, und bildet die geplante Technik diese Steuerung ab oder nur den Datentransport?
  2. Überlebt das Konzept den Förderzeitraum, denn die Richtlinie fördert bei Software ausdrücklich nur eine Anlaufphase von bis zu drei Jahren, und ein Netzwerk ohne Betriebsmodell ist nach der Förderung ein Museum?
  3. Ist die Datenbasis so angelegt, dass KI darauf mehr sein kann als eine Demo, also strukturiert, standardbasiert und im Behandlungskontext nutzbar?

Der Transformationsfonds ist die vielleicht letzte große Gelegenheit, die deutsche Krankenhauslandschaft strukturell neu zu ordnen. Es wäre schade, wenn wir dabei digitale Infrastruktur bauen, die Daten bewegt, aber niemanden in die Lage versetzt, Versorgung zu gestalten. Die Standorte werden weniger. Die Übergänge werden mehr. Gesteuert werden müssen sie so oder so. Die Frage ist nur, ob mit oder ohne geeignetes Werkzeug.

Wie sehen Sie das? Reden wir bei Plattformen noch zu viel über Schnittstellen und zu wenig über Steuerung? Ich freue mich auf ein Gespräch.


Wie sieht das in der Praxis aus? Mehr im folgenden Artikel:


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